Was unterscheidet Architektur von „platter Hinbauerei“? Kann Architektur Menschen erziehen? Architekt Markus Müller (links), Künstler
Diether F. Domes (Mitte) und der Kreiskulturamtsleiter Stefan Feucht suchen beim 3. Ateliergespräch nach Antworten. BILD: RUPPERT

„Für wen baue ich eigentlich?“
 
Das dritte Ateliergespräch bei Diether F. Domes stellt die Architektur ins Zentrum
 
Die Ateliergespräche bei Diether F. Domes in Eriskirch entwickeln sich immer mehr zu einer Schule der Denkanstöße.Das nunmehr dritte Ateliergespräch vergangene Woche war das bislang ertragreichste und lebendigste. Zwei der fünf Teilnehmer mussten zwar kurzfristig absagen – Lothar Plachetka und Katrin Seglitz – aber die verbliebene über „Kunst und Architektur“ diskutierende Runde verkraftete den Verlust. Dazu trug stark der Meckenbeurer Architekt Markus Müller bei, der bei Domes und Kreiskulturamtsleiter Stefan Feucht am Campingtisch Platz nahm.
Was eigentlich ist gute Architektur? Stefan Feucht bringt den Ball ins Rollen: Die Preiswürdigkeit von Architektur werde oft mit der „Konsequenz“ eines Entwurfs begründet – und dann stehe das Wort von der „Konsequenz“ anbindungslos im Leeren. Kann es sein, dass diese „Konsequenz“ der Architektur Selbstzweck ist?
Konsequenz, meint Markus Müller, zeige zunächst nur, das sich ein Architekt auf hunderte von Fragen, die bei der Arbeit an einem Entwurf entstehen, Antworten abverlangt habe – insofern sieht er „Konsequenz“ als Qualitätsmerkmal gerechtfertigt. Um Architektur handle es sich jedenfalls nicht bei einer „platten Irgendwo-Hinbauerei von komplett unüberlegten Entscheidungen, die in Beton gegossen werden“, formuliert Müller pointiert.
Wogegen er sich aber auch wendet, das ist eine Architektur, die Antworten nicht mehr zu suchen braucht, weil sie als vorgefasste Doktrin immer schon feststehen wie die Architektur der Klassischen Moderne. „Le Corbusier, das war eine hochdoktrinäre Ideologie“, sagt Müller. Die Menschen, auch mittels Architektur, zwangsweise zu erziehen, könne nicht gelingen, meint Müller: „Erziehung hat etwas Diskursives. Architektur ist aber absolut“, sagt er – sie bevormunde „qua Präsenz“.
Also keine planerischen Großperspektivenmehr, nur noch kleine Schritte und jeder baut, wie’s ihm gefällt? Diether Domes bemängelt eine Heterogenität der gebauten Formen, die auf engstem Raum unmittelbar nebeneinander stehen: „Architektur ist eine Spielwiese geworden.“
In diese Spielwiese mischt sich vieles mit hinein, was an diesem Abend zur Sprache kommt – jene einfallslose Betoniererei, die Markus Müller ansprach ebenso wie die von ihm kritisierte „sakrale Überhöhung“ des Einfamilienhauses durch den jeweiligen Bauherrn. Aber auch eine so genannte „Investorenarchitektur“, die Diether Domes anspricht – Bauten, die der Gewinnmaximierung dienen und hinter denen kein Bauherr mehr steht, der sich mit dem Bau an sich identifiziert – dieser ist ja nur Mittel zum Zweck; und so sieht er unterm Strich auch aus.
So weit, so trostlos? Gegen das bewusstlos gesetzte Irgendwas setzt Markus Müller die Forderung, Architektur müsse sich den Fragen der Zeit stellen. Sie muss Antworten geben auf knapper werdende Ressourcen hinsichtlich Material und Raumverbrauch, und auf eine immer älter werdende Gesellschaft. Architekten müssen sich sozusagen auch rote Linien setzen: „Welche Wünsche und Ziele wollen wir formulieren, die wir auch dann nicht aufgeben, wenn es schwierig wird?“
Im Gespräch mit dem großen und teilweise sehr sachkundigen Publikum wird alsbald klar, dass es in Deutschland an einer öffentlichen Diskussion über Architektur fehlt. Werte und Ziele von Architektur, dabei hätte die Bevölkerung mitzureden. Fragt sich nur, wo die Grundlagen herkommen sollen. Wer macht sich einen Begriff von Architektur? Norbert Schültke, Leiter des Dezernats für Umwelt und Technik im hiesigen Landratsamt, spricht es an: „Wer hat die Fähigkeit auszudrücken, was er wahrnimmt?
Wer ist überhaupt in der Lage festzustellen, was er wahrnimmt?“ Das plädiert für eine Stärkung der abgedrängten künstlerischen Fächer in den Schulen, in denen Grundlagen des Empfindens gebildet werden – und auch für ein Architekturstudium, das nicht mehr dem Druck einer „Bachelorisierung“ gehorcht. „Architekten fehlt es an Bildung“, zitiert Stefan Feucht sinngemäß den (dauerpreisgekrönten) Architekten Arno Lederer, dessen Büro auch das Kunstmuseum Ravensburg entworfen hat.
Die architektonische Gemengelage mag heterogen sein, das sei aber nicht nur schlecht, meint Markus Müller. Er erinnert nochmals an die Klassische Moderne, die Abweichler in die Ecke stellte. Die folgende postmoderne Architektur sein eine bewusste Gegenreaktion gewesen – ein „Anything goes“, durch das der einzelne Entwurf in Abwesenheit einer beherrschenden Großtheorie aber auch wieder rechenschaftspflichtig geworden sei.
Diese Rechenschaftspflicht betrifft nicht nur den Planer eines exklusiven Vorzeigeobjekts, sondern auch den Architekten im ganz normalen Wohnungsbau. Hier wird sie beantwortet, wenn der Architekt sich nicht nur als Konstrukteur gebauter Größenordnungen versteht. Zum Grundriss der Einheit „Zwei Zimmer, Küche, Bad“ muss sich eine Frage hinzugesellen. Markus
Müller stellt sie so: „Für wen baue ich denn eigentlich?“
 
Von HARALD RUPPERT
IN Südkurier
Datum 23. Oktober 2013