Deutscher Städtebaupreis - ein Vorwort
 
Jedes neue Bauwerk verändert den Ort, an dem es erreichtet wird, und wirkt nachhaltig auf seine Umgebung. Aus dem Verhältnis vieler Bauten zueinander ergibt sich das Siedlungsbild. In der Architektur und im Siedlungsbild tritt offen zu Tage, wie das Verhältnis der einzelnen Bauherren und Bewohner zueinander beschaffen ist und welche Art der Abstimmung es gibt zwischen den Bedürfnissen und Lebenszielen des Einzelnen und den Belangen der Gemeinschaft. Wie steht es heute mit der Sicherung der Belange, wie andererseits mit den gegenwärtigen Entwicklungschancen. In dem Maße, wie die Ressourcen - inzwischen auch die Ressource „Humankapital“ – knapper werden, in dem Maße auch, wie der technische Fortschritt im Umgang mit den Existenz- und Produktionsmitteln zu immer komplizierteren Strukturen führt, bedarf es übergeordneter Regeln. Es gilt, das Gemeinwesen mit diesen selbstgesetzten Bestimmungen optimal zu ordnen und die gemeinsame Nutzung des Siedlungsraum gleichgewichtig zu koordinieren. Soweit dieses ordnende Regeln und Koordinieren die räumliche Verteilung und Verflechtung der Nutzungen wie auch die bauliche Erscheinung unserer Gemeinwesen betrifft, sprechen wir von Stadtplanung. Deren Verwirklichung ist Städtebau. Mit Städtebau treffen wir Grundentscheidungen über Gestalt und Gesicht unserer Städte, Dörfer und Landgemeinden.
 
 
Begründung der Jury des deutschen Städtebaupreises 2001 für die Verleihung des Sonderpreises zum Thema „An der Peripherie“ für das Projekt „Ravensburger Spieleland“.
 
Das „Ravensburger Spieleland“ ist in mehrfacher Hinsicht mit dem Begriff „Peripherie“ verbunden. In erster Linie geografisch. Zum anderen ist inhaltlich mit dem „Ravensburger Spieleland“ eine Aufgabe angepackt, die Stadtplanern und Architekten eher fern liegt. Gerade deshalb ist es allen hier an der Planung beteiligten zu danken, dass sich das Ergebnis ihres grossen Engagements wohltuend von dem sonst in der Entertain-ment-Branche Üblichen abhebt. Es sind hier sowohl der pädagogische Ansatz als auch die Wahl des Standorts, nicht zuletzt aber auch die intelligente Entwurfsidee wie deren konsequente Umsetzung ohne jeden Abstrich zu würdigen.
 
Auch sonst ist die Leistungsfähigkeit des Entwurfsgerüstes hervorzuheben. Es beruht auf einer orthogonalen Matrix für die Themenfelder, die Landschaftsstreifen, die Wasserflächen und die besonderen topografischen Situationen. Aus der Überlagerung dieser Elemente ergibt sich der räumliche Zuschnitt des Parks, der sich – ein weiteres Positivum – leicht weiter fortschreiben ließe.
Die Themenfelder bilden die eigentlichen „Baulichkeiten“ der Anlage. In jedem Themenfeld sind bestimmt umrissene typologische Wesenheiten zur Anschauung gebracht, so z.B. Lagunenstadt, Leben auf dem Land, Lichtung im Wald, usw. In jedem dieser Themenbereiche ist eine durchdachte Materialisierung der jeweiligen Idee und ebenso eine überzeugende Ausbildung der Details zu beobachten.
 
Die Landschaftsstreifen ziehen sich in Nord-Süd-Richtung durch das Gebiet und sind von unterschiedlichster Prägung durch Wald, Wiesen, Hecken, Felder. Eine besondere Wasserachse durchzieht von Ost nach West den Park, woraus sich spezifische Situationen herleiten: Anhöhe, Tal, Insel.
 
Mit diesen prägnanten räumlichen und atmosphärischen Situationen ist der Rahmen für ein spielerisches Lernen gesetzt,
ebenso für kommunikatives Spiel und den Umgang mit Natur; zumal die sensible Gestaltung der Landschaft beispielhaft ist, im Innern des Parks so gut wie in der Vernetzung mit dem umgebenden Land.
 
Zu würdigen ist nicht zuletzt das disziplinierte Zusammenwirken aller am Planungs- und Bauprozess Beteiligten. Die Änderungen des Regionalplans und des Flächennutzungsplans sowie die Aufstellung des Bebauungs- und Grünordnungsplans wurden in nur dreizehn Monaten bewerkstelligt. In nur zwei Jahren also entstand mit dem „Ravensburger Spieleland“ der Prototyp einer neuen Generation von Freizeitparks: Spiellandschaften, die sich mit einer spezifischen inhaltlichen Ausrichtung verbinden und aufs neue am traditionellen Begriff von Kulturlandschaft orientieren.
 
 
Die Jury
Dr. phil. Dr. Ing h.c. Ulrich Conrads, Berlin
Dr. Dagmar Dietrich, München
Prof. Dr. Ing Werner Durth, Darmstadt
Dr. Wolfgang Lindstaedt, Frankfurt
Dipl. Ing. Ulla Luther, Berlin
Prof. Hildebrand Machleidt, Berlin
Dr. Ing. Anke Schettler, Weimar